Kiewer Knabenchor glänzte auch im vokal-instrumentalen Osterkonzert der Bachtage

Bach wäre das Herz aufgegangen

Bad Hersfeld. Bach at his best! Für den Sonntag nach Ostern, „Quasimodogeniti“ bezeichnet, schrieb der Leipziger Kantor 1724 und 1725 zwei Kantaten, die nicht bloß für den Verfasser dieser Zeilen zu den zehn besten Stücken unter den 200 Kirchenkantaten gehören – „Halt im Gedächtnis Jesum Christ“ Bach-Werke-Verzeichnis 67 (BWV) und „Am Abend aber desselbigen Sabbats“ BWV 42.

Das Zentrum dieser letzten bildet die Alt-Arie „Wo zwei und drei versammlet (!) sind in Jesu teurem Namen“, eine Musik, die himmlischen Frieden (der Singstimme und Streicher) mit innerer Bewegung (der Oboen und des Continuobasses) paart – gewissermaßen die Hymne der Übriggebliebenen und beinahe das Signum der gegenwärtigen Christenheit in Mitteleuropa. Doch wenn Bach auf dem Programm steht und der Kiewer Knabenchor singt, dann ist das J.S.Bach-Haus am Ostersonntag nahezu vollbesetzt und klingt Osterfreude auch im Beifall auf.

Seine großen zehn Minuten hatte der Gastchor, der Ende der Woche seine Konzerttournee in Rom beschließt, mit der Motette „Der Geist hilft unser Schwachheit auf“ BWV 226. Sie sangen „unser“, wie man es früher tat, und sie sangen wieder so einmütig, so kraftvoll-vital, locker-beschwingt, feingliedrig-transparent, so idiomatisch im Sprachklang, dass Bach, der in seinen 65 Lebensjahren ostwärts ja über Berlin und Dresden nicht hinauskam, sie sofort ins Herz geschlossen hätte.

Nicht ganz so homogen (Oboen!) die Instrumentalabteilung der Virtuosi Brunenses, die allerdings zwei exzellente Solisten ergänzten: Der Dresdner Flötist Jiri Berger formulierte seinen Part in der Ouvertüre h-Moll BWV 1067 betont sachkundig, elegant, variabel in der Phrasierung, und Jens Amend verschmähte an der Truhenorgel jede Äußerlichkeit zu Gunsten manuell gestaltender Fantasie – Beispiel der Concerto-Satz der Kantate BWV 35 „Geist und Seele wird verwirret“ (zum 12. Sonntag nach Trinitatis).

Lisa Rothländer (Sopran) nahm wie in der Matthäus-Passion mit exquisiten Farbtönungen und sorgfältiger Ausdrucksdifferenzierung für sich ein – auch in einer Arie (Strophe 3) der Kantate BWV 129 „Gelobet sei der Herr, mein Gott“ (zum Trinitatisfest). Inga Jägers schmiegsam-schwebender Altstimme fehlte in puncto Ausdeutung jener Arie aus BWV 42 noch ein letzter Rest. Stephan Scherpe (Tenor) und Xiao-Feng Cai (Bass) ergänzten das Solistenquartett stimmlich substanzvoll und technisch versiert (etwa die lange Bass-Koloratur auf das Wort „Verfolgung“).

Siegfried Heinrich, kürzlich in Kiew „für kreative Zusammenarbeit mit dem Knabenchor und einen bedeutenden Beitrag zur Popularisierung der ukrainischen Musikkultur im europäischen Raum“ ausgezeichnet, hatte natürlich die dirigierend ordnende und aktivierende Hand für das musikalische Geschehen, musste freilich auch einige Kompromisse eingehen. So fehlte die Trompete in BWV 67 und waren die Streichinstrumente speziell für die edlen Linien der Eingangs-Sinfonia zu BWV 42 unterbesetzt.

Von Siegfried Weyh

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