Stadtkirchenkantorei stimmte festlich mit Kantate und Magnificat auf den Advent ein

Bach hat es in sich

In der Bad Hersfelder Stadtkirche präsentierte die Kantorei unter Dirigent Sebastian Bethge Werke von Bach. Foto: nh

Bad Hersfeld. Nicht eines von Bachs mehr als tausend im Werkverzeichnis angeführten Stücken sollte man unterschätzen. Schon gar nicht die Vokalwerke, die neben den gesanglich-technischen auch enorme geistige Ansprüche stellen. Bach hat es in sich. Etwa die Kantate „Wachet auf, ruft uns die Stimme“ BWV 140 zum Kirchenjahresende (27. Sonntag nach Trinitatis), die in der Stadtkirche am Beginn des Kantoreikonzerts zum 1. Adventssonntag stand.

Ihr Eingangschorsatz vereint gleich vier rhythmische Ebenen: zwei im Orchesterpart (punktierte Akkordstafetten, dann Sechzehntelpassagen in den Geigen) und zwei im Chorpart (lange Notenwerte der Choralmelodie des Soprans, figurativ stark aufgelockerte Bewegung der drei Unterstimmen). Hat der Sopran sein „Wachet auf“ gerufen, dann belebt sich rasch dieses Unterstimmengefüge. Alt-, Tenor- und Bassstimmen wachen wirklich auf. Ein alltäglicher Vorgang, in der geistlichen Musik aber deshalb so wirkungsvoll, weil der Weckruf den zehn Jungfrauen (aus dem Gleichnis im Matthäus-Evangelium, Kapitel 25) gilt, zu denen der Bräutigam kommt – wie der Herr der Christenheit zu seiner Kirche und Gemeinde: „Macht euch bereit zu der Hochzeit, ihr müsset ihm entgegen geh’n.“

Flexibel und mit Hingabe

Man ahnt den theologischen Bezug und die „geistlichen“ Anforderungen ans Singen und Musizieren, die sich im nachfolgenden Werk, dem lateinischen Magnificat BWV 243 (Lobgesang der Maria vom Beginn des Lukas-Evangeliums), noch steigern sollten.

Die etwa 50 Mitglieder der Hersfelder Kantorei, unter ihrem effektvoll dirigierenden Leiter Sebastian Bethge, hatten hörbar gut geprobt, sangen flexibel, reaktions- und einsatzfreudig, ja mit Hingabe, im Gesamtklang eher gedeckt als strahlend, eher kompakt als transparent. Durchgängig – auch in den Duetten und Terzetten der Solisten – vermisste man etwas das Augenmerk auf Haupt- und Nebenstimmen, das bei Bach unentwegt wechselt. In den beiden Liebesduetten der Kantate wie auch im Terzett „Suscepit Israel“ des Magnificat umgarnen Sopran und Bass beziehungsweise zwei Soprane und Alt einander geradezu.

Warum an den beiden Kantaten-Duetten verschiedene Sängerinnen (neben demselben Basssänger) beteiligt wurden, blieb ebenso unverständlich wie der fehlende Platz für alle fünf Solisten, sodass für jeden Auftritt ein Kommen und Gehen nötig wurde. Insgesamt wirkten die beiden Herren Aljoscha Lennert (Tenor) und Sebastian Kitzinger (als Bass eingesprungen) etwas metiersicherer, vitaler und klangvoller als die drei Damen Christina Wieland (Sopran I), Diana Schmid (Sopran II) und Cornelia Sander (Alt).

Den besten Eindruck freilich hinterließ das historisch orientiert und im Stehen musizierende Ensemble „La Visione“. Seine Leiterin Isabel Schau glänzte vor allem im ersten Duett auf dem Violino piccolo, der etwas kleineren und eine kleine Terz höher gestimmten Geige.

Keine Kerze brannte

An führenden Instrumentalpositionen agierten ferner: Barbara Ferrara und Pere Saragossa (Oboe), Verena Fischer (Flöte) und Mark Geleen (Trompete) sowie im Basso-continuo-Bereich Susanne Hartig (Violoncello), Lara Frey (Violone = historischer Kontrabass), Claudius Kamp (Fagott) und Christiane Lux (Orgel).

Nach ausgiebigem Beifall vor allem aus dem fast vollbesetzten Mittelschiff gab’s den Gloria-Satz des Magnificat als Zugabe. Doch keine Kerze brannte am schönen Adventskranz über den Altarstufen.

Von Siegfried Weyh

Kommentare