Zwei ehemals abhängige Spieler erzählen ihre Suchtgeschichte

Im Sog des Automaten

Anziehend: Spieler streben nicht nach dem Gewinn, denn dieser tritt unterm Strich nicht ein. Sie spielen die Sorgen weg. Foto: Schleichert

Bad Hersfeld. Als sie gewann, hatte sie verloren. Inga Kohl wollte die Verlockung der Spielautomaten spüren. Sie hatte von der Anziehungskraft gehört, es aber nicht glauben können. Bis sie selbst eine Münze einwarf. Binnen weniger Minuten machte sie aus zwei Euro 685 – und wurde vom Sog der Spielsucht erfasst.

Zwei Spieler blinzeln in das Licht, das sie durch das Klinikfenster blendet. In der Hersfelder Klinik Wigbertshöhe werden Inga Kohl und Johannes Müller mit einer Realität konfrontiert, die nicht vom schummrigen Licht der Spielhallen geschönt wird. Ihre Geschichte von Rausch, Schulden und bösem Erwachen haben sie in der Gruppentherapie der Hersfelder Suchtklinik schon oft erzählt. Die, die selbst nicht gewarnt wurden, finden es wichtig, andere zu warnen.

Ich habe dem Automaten nachgetrauert, als wäre er meine große Liebe.

Inga Kohl Trockene Spielerin

Sie sind noch jung. Sie 31, er 21. Im Chaos des Erwachsenwerdens konnte sich die Sucht einschleichen – zunächst ganz unbemerkt vom eigenen Verstand. „Jede freie Minute verbrachte ich in der Halle“, sagt der 21-jährige Johannes Müller, der in der Spielhölle tausende Euro verlor und dennoch auf Wolke Sieben schwebte.

Die Spielsucht, erinnert sich Kohl, sei wie eine große Liebe gewesen. Als sie unter die Leidenschaft einen Schlussstrich zog, brach eine Welt zusammen. „Ich habe dem Automaten nachgetrauert, als wäre er meine große Liebe.“ Nach dem Rausch kam die Ernüchterung. „Am schlimmsten war der Schritt nach draußen. Raus aus der glitzernden, bunten Spielhalle, zurück in die Realität“, erinnert sich Inga Kohl. „Als hätte man den Stecker der virtuellen Welt gezogen“, ergänzt Müller nachdenklich.

Realität als Schauspiel

Irgendwann konnten die Spieler sich nicht mehr selbst täuschen. „Plötzlich wird dir klar: Du bist nicht mehr der, der du warst“, sagt Johannes Müller. Doch vor der Familie versteckten sie ihr Suchtproblem jahrelang. „Wir waren die perfekten Schauspieler“, sagt Inga Kohl, die fünf Jahre lang vor Freunden und Familie eine Maske trug. Beim Kaffeetrinken mit der besten Freundin habe sie sich immer nach dem Automaten gesehnt. „Es war schon schwer genug, mir selbst etwas einzugestehen“, sagt Kohl, „doch den anderen?“ Die Sucht haben sie vertrieben, das Schamgefühl bleibt: Johannes Müller und Inga Kohl, die eigentlich anders heißen, fürchten sich noch immer vor dem Unverständnis, das ihnen oft entgegenschlägt.

Rund 50 000 Euro verzockte Kohl binnen fünf Jahren, bei 5000 Euro stieß der Auszubildende Müller an die Grenzen des finanziell Möglichen. Die Bilanz der Sucht lässt sich leicht in Zahlen fassen. Unfassbar dagegen bleiben die Auswirkungen auf ihr Leben: „Wir müssen wohl nochmal von vorne anfangen“, sagt Kohl. Doch wo das Leben spielt, haben die beiden inzwischen gelernt: Zwischen Menschen, nicht zwischen Automaten. Weitere  Artikel

Von Pia Schleichert

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