Von Ausreißern

Liebe Leserinnen und Leser im Hersfelder Land. Ausreißen, das hätte in der vergangenen Woche das Motto in Bad Salzungen und Umgebung sein können. Die Bad Salzunger und ihre Gäste hätten allen Grund gehabt, vor dem kalten, feuchten Sommerwetter zu flüchten. Doch die Kurstädter bestätigten das Motto „Wir können auch bei Regen feiern“. Nicht mit Schirm und Melone bewaffnet, sondern ausgestattet mit Kapuze, dick eingepackt mit Winterpulli, Schal und warmer Jacke feierten 12 500 Gäste das Stadtfest.

Nicht ausgerissen, sondern ausgewandert ist die Familie Rotfuchs aus Schweina. Christoph und Christiane Rotfuchs nennen nun mit den fünf Kindern Norwegen ihre Heimat. Auch wenn die Verbindungen nach Schweina noch eng sind und obwohl in Norwegen nach ihrer Beschreibung die Welt auf dem Kopf steht – es im Sommer nicht mehr dunkel und im Winter fast nicht hell wird –, will die Familie am Fjord bleiben.

Ausreißen könnten viele Beteiligte auch manchmal, wenn es um kommunale Entscheidungsprozesse geht. Die Gemeinde Tiefenort möchte im Ortskern ein „Soziales Zentrum“ errichten. Drei Säulen hat das Projekt, den Bau eines neuen Kindergartens, die Errichtung einer Senioreneinrichtung und die Sanierung des Erdfallgebietes. Zwölf Jahre lang wurden Pläne geschmiedet und wieder verworfen, Standorte abgewogen, Gespräche mit Investoren geführt. Nun sind die Grundsatzbeschlüsse gefasst. Es könnte losgehen. Da gehen einige Gemeinderäte der Bürgermeisterfraktion auf die Barrikaden, obwohl sie selbst am Meinungsbildungsprozess beteiligt waren.

Es liegt ein Projekt auf dem Tisch, welches sie selbst mit entwickelt haben, mit dem sie im Detail aber offensichtlich nicht einverstanden sind. Das ist ihr gutes Recht, aber hätte es rechtzeitig, eines eigenen besseren Vorschlags bedurft. Spätestens während der Klausur hätte man die Gedanken und Bedenken einbringen müssen. Sich jetzt, wo eigentlich alle Messen gelesen und alle Beschlüsse gefasst sind, gegen den Gemeinderat zu stellen, dessen Mitglied man ist, zeugt nicht von einem ausgeprägten Demokratieverständnis.

Vielleicht ist dieses unendliche Gezerre auch der Grund, dass viele Tiefenorter sich gar nicht die Mühe gemacht haben, zur Einwohnerversammlung in den Stern zu kommen. Möglicherweise sind viele Bürger am Fuße des Krayenbergs zumindest gedanklich längst ausgerissen.

Immer mal ausreißen wollte offensichtlich ein Privatmann aus Barchfeld, der auf den Werrawiesen eine Start- und Landebahn für Kleinflugzeuge errichten lassen wollte. Der Gemeinderat erteilte dem Antrag eine Absage. Nun kann der Privatmann höchstens mit dem Auto oder zu Fuß immer mal das Weite suchen.

Im Lande bleiben müssen auch die Landwirte, denn sie kleben gewissermaßen an ihren Schollen. Aber es wird immer schwieriger, die ständig steigenden Erwartungen der Verbraucher, die Vorgaben des Umweltschutzes, Witterungsunbilden und steigenden Kosten unter einen Hut zu bringen. Deshalb sind die Feldversuche, die es in der Versuchsstation in Bad Salzungen nun bereits 50 Jahre gibt, nicht nur wichtig, sondern existenziell für die Bauern.

Hoffentlich nicht zum Ausreißen ist der Sommer. Zumindest am Anfang hat er seinem Namen keine Ehre gemacht. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt. Und wenn Sie es genau wissen wollen, fragen Sie nicht die Wetter-App. Vertrauen Sie lieber der Prognose des kleinen niedlichen Siebenschläfers, vorausgesetzt er reißt nicht vor Ihnen aus. ute.weilbach@stz-online.de

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