Der Amazon-Streik wird in Europa beobachtet – Versandhändler gibt sich vorbereitet

Ausland schaut nach Hersfeld

Seit dem ersten Streiktag dabei: Wolfgang Betz (vorne rechts) war einer von mehreren hundert Amazon-Beschäftigten, die streikten. Foto: Maaz

Bad Hersfeld. Die Pfiffe der Trillerpfeifen waren schon von weitem zu hören. Einmal mehr nutzte Verdi gestern die Bad Hersfelder Schilde-Halle als Streik-Lokal. Die Gewerkschaft setzt sich dafür ein, bei Amazon einen Tarifvertrag auf dem Niveau des hessischen Einzel- und Versandhandels durchzusetzen. Der Online-Versandhändler lehnt dies ab und verweist auf die Bezahlung der Mitarbeiter in Anlehnung an die in der Logistikbranche üblichen Löhne. Auch am Standort Leipzig waren die Beschäftigten gestern wieder zum Streik aufgerufen.

Um die 400 Mitarbeiter aus beiden Bad Hersfelder Verteilzentren – größtenteils aus der Frühschicht – hatten an den Bierzeltgarnituren in der Schilde-Halle Platz genommen, als am Morgen die Wortbeiträge auf der Bühne begannen.

Noch zu schwach

Verdi-Verhandlungsführer Bernhard Schiederig beglückwünschte die Streikenden zu ihrer Tatkraft, ihrem Mut und ihrer Ausdauer. Er verwies außerdem auf die Solidaritätsbekundungen anderer Verdi-Fachbereiche in der Tarifauseinandersetzung und auf die Bedeutung von Tarifverträgen für alle Beschäftigten etwa im Einzel- und Versandhandel. „Wir dürfen nicht zulassen, dass es immer mehr prekäre Beschäftigungsverhältnisse gibt“, rief Schiederig in die Menge und erntete dafür lauten Applaus. Auch wenn Amazon bislang nicht zu Tarifgesprächen bereit sei, seien die Streiktage seit April nicht ohne Erfolg geblieben. Als ein Beispiel nannte er die „Bewegung“ in Sachen Weihnachtsgeld, wenngleich die erstmalige Sonderzahlung von 400 Euro für Versandmitarbeiter und 600 Euro für Vorarbeiter weit unter dem läge, was nach Tarif gelte.

„Wir werden Amazon vor uns hertreiben, bis ein Tarifvertrag abgeschlossen ist“, so Schiederig. Dafür sei allerdings auch die Beteiligung weiterer Standorte notwendig, noch sei man zu schwach.

Dass der Streik gegen den Online-Versandhändler auch im Ausland medial beobachtet und begleitet wird, darauf wies Verdi-Sekretärin Mechthild Middecke hin. So hatte kürzlich der Artikel eines französischen Journalisten für Aufmerksamkeit gesorgt. In Bad Hersfeld war gestern auch ein norwegischer Autor zu Gast. Halvor Fjermeros berichtet über soziale Bewegungen in Europa und Widerstand „von unten“ gegen die Sparpolitik in der Wirtschaft.

Seit dreieinhalb Jahren bei Amazon beschäftigt und seit dem ersten Streiktag dabei ist Wolfgang Betz aus Sontra. Ihm es ist wichtig, nicht nur für sich, sondern vor allem für die jüngeren Kollegen zu kämpfen. Ohne Tarifvertrag seien die Arbeitnehmer der Willkür des Arbeitgebers ausgeliefert. „Unsere Forderungen sind nicht überzogen“, sagt Betz mit Blick den Umsatz des expansionswilligen Unternehmens. Über mehrtägige Streiks im Weihnachtsgeschäft wird derzeit noch diskutiert.

Amazon selbst ist laut Pressesprecher Stefan Rupp auf „alle möglichen Szenarien“ im Weihnachtsgeschäft vorbereitet. Man werde das ganze europäische Logistik-Netzwerk einsetzen, um die Kunden bedienen zu können. Weit mehr Sorgen als ein Streik bereite dem Unternehmen extremes Winterwetter. Generell gelte natürlich die Empfehlung, Weihnachtsgeschenke rechtzeitig zu bestellten. (nm) Wirtschaft

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