ARD-Beitrag übt massive Kritik an Online-Versandhändler

Amazon-Leiharbeiter: Ausgeliefert und bedroht?

Im Kirchheimer Seepark waren die Leiharbeiter untergebracht, die im Weihnachtsgeschäft 2012 bei Amazon tätig waren und die von dem ARD-Team begleitet wurden. Die Arbeiter seien in ihrer Unterkunft von Sicherheitsleuten bedrängt worden. Foto: Archiv/Hornickel

Bad Hersfeld. Wie weit darf billig gehen? Massive Kritik am Umgang mit Saisonarbeitskräften bei Deutschlands größtem Versandhändler übt die ARD-Dokumentation „Ausgeliefert! Leiharbeiter bei Amazon“, die am Mittwochabend ausgestrahlt wurde.

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In dem 30-minütigen Film zeichnen die beiden Autoren Diane Löbl und Peter Onneken ein düsteres Bild vom Internet-Versandhandel.

Im Weihnachtsgeschäft 2012 hatten die Autoren spanische Leiharbeiter begleitet, die im Logistikzentrum Bad Hersfeld gearbeitet haben und im Feriendorf am Kirchheimer Seepark untergebracht waren. Die Leiharbeiter sollen laut Film unter Beteiligung der Arbeitsagentur als Saisonkräfte für das Weihnachtsgeschäft angeworben worden, dann aber zu deutlich schlechteren Bedingungen bei einer Zeitarbeitsfirma angestellt worden sein.

Auch von der Unterbringung der Arbeiter im Kirchheimer Seepark zeichnet der Bericht ein erschreckendes Bild: Männer und Frauen, die dort auf engstem Raum untergebracht und rund um die Uhr von einem Sicherheitsdienst überwacht wurden.

Der Geschäftsführer des Kirchheimer Seeparks, Andreas Engelhoven, war am Tag nach der Ausstrahlung nicht erreichbar. Er befinde sich im Urlaub und werde die Vorwürfe am Montag richtigstellen, hieß es. Auch die beteiligten Dienstleister gaben sich zugeknöpft: Eine Antwort der Zeitarbeitsfirma Trenkwalder stand bis Redaktionsschluss aus, die Firma Coco Job Touristik sieht derzeit keine Notwendigkeit sich zu äußern und verweist auf Vertragspartner Amazon.

Schlecht weg kommt in dem Beitrag auch die Firma H.E.S.S. Security, die im Seepark Kirchheim für „Ordnung“ sorgen sollte. Dieser werden unter anderem Verbindungen zur Hooligan- und zur Neonaziszene vorgeworfen. Die Geschäftsleitung sei für Stellungnahmen aktuell nicht zu erreichen, hieß es gestern aus der Kasseler Firmenzentrale. Von wem der Sicherheitsdienst überhaupt engagiert wurde, ließ sich gestern nicht klären.

Von schlechten Bedingungen für Leiharbeiter weiß auch Heiner Reimann zu berichten, Verdi-Ansprechpartner für Bad Hersfeld. „Da der Vertragspartner der Leiharbeiter aber nicht Amazon ist, ist es schwierig, Amazon einen Strick daraus zu drehen“, so Reimann, der auch im Film zu Wort kommt. Allerdings: „Amazon muss auf die Durchführung der Verträge achten.“

Von den auffällig vielen Sicherheitsbediensteten und den Beschwerden hätten seiner Meinung nach auch die örtlichen Amazon-Manager wissen müssen.

Bus-Unternehmer widerspricht

Die Arbeitsagentur hat laut Waldemar Dombrowski, Leiter der Agentur für Arbeit Bad Hersfeld-Fulda, den gesetzlichen Auftrag, Arbeitnehmer und Arbeitgeber zusammenzuführen, dabei mache es keinen Unterschied, ob es sich um einen klassischen Arbeitgeber oder eine Zeitarbeitsfirma handele. „Wir prüfen aber, ob tarif- oder ortsübliche Entgelte gezahlt werden“, betont Dombrowski.

Saisonkräfte aus dem europäischen Ausland würden zusammen mit der Zentralen Auslands- und Fachvermittlung in Bonn vermittelt. Für die Organisation von Anreise und Unterkunft sei allein der Arbeitgeber verantwortlich.“ Ob dieser dafür einen Dritten beauftrage sei ihm überlassen. „Der Vermittlungsprozess ist sauber gelaufen“, betont Dombrowski. Beschwerden seien der Agentur bislang nicht bekannt gewesen.

Ein zentraler Kritikpunkt der ARD-Dokumentation: Die Arbeiter würden in überfüllten Bussen vom Kirchheimer Seepark zum Logistikzentrum gekarrt. Wegen ungünstiger Abfahrtszeiten müssten die Leiharbeiter dort lange

Hier geht es zum Filmbeitrag in der ARD-Mediathek

Wartezeiten in Kauf nehmen. Mehrfach sind im Beitrag Busse des Niederaulaer Omnibusbetriebes Käberich zu sehen. Inhaber Thomas Reichwein weist die Vorwürfe zurück. Zwar seien die Busse während des Weihnachtsgeschäftes deutlich voller, die genehmigte Zahl der Stehplätze sei aber nie überschritten worden. Außerem seien die Fahrzeuge mit stehenden Fahrgästen nicht über die Autobahn gefahren. „Sobald nicht jeder einen Sitzplatz hat, fahren wir über die Landstraße“, betont Reichwein. Probleme mit Ankunftszeiten habe es gegeben, darauf sei aber mit zusätzlichen Fahrten reagiert worden, so Reichwein, der seit gut zehn Jahren im Auftrag von Amazon fährt. (jce/nm)

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