Kulturbund: Die Bestseller-Autorin Zoë Jenny las ihre Erzählungen im Buchcafé

Augenblicke des Lebens

„Spätestens morgen“: Bestseller-Autorin Zoe Jenny las auf Einladung des Kulturbunds im Bad Hersfelder Buchcafé aus ihren Erzählungen und signierte anschließend ihre Bücher. Foto: Hettenhausen

Bad Hersfeld. Die Schweizer Bestseller-Autorin Zoë Jenny stellte ihr Werk „Spätestens morgen“ auf Einladung des Kulturbundes Bad Hersfeld am Dienstagabend im Buchcafé vor.

Die Erzählsammlung wurde 2013 veröffentlicht und ist das sechste Buch nach dem erfolgreichen Roman „Blütenstaub“ im Jahr 1997, der in 27 Sprachen übersetzt, eine halbe Million Mal verkauft und mehrmals ausgezeichnet wurde.

Die zwölf Geschichten des aktuellen Buches sind über einen Zeitraum von 15 Jahren entstanden. „Ich schreibe nie gleich etwas auf, was mich inspiriert oder beschäftigt. Das kann ein Jahr und länger dauern, bis ich es auf"s Papier bringe“, verriet die 41-Jährige ihrem gespannten Publikum.

Die Erzählungen sind in der Tradition der amerikanischen Short Storys geschrieben. Sie sind Auszüge aus dem Leben, Momentaufnahmen, die es in sich haben. Denn sie sind zwar kurz, nur etwa zehn Seiten lang, doch sie spiegeln das Leben an sich in all seinen traurigen und fröhlichen Facetten wider. Sie zeigen unter dem Deckmantel der drei Hauptthemen Kindheit, Aufbruch und Tod die ganze Bandbreite menschlicher Empfindungen und Lebenswege, so wie sie überall auf der Welt vorkommen.

Beziehungsgeflechte

Die Handlungsorte wie Los Angeles, München, Shanghai oder London sind eigentlich belanglos und beliebig austauschbar. Wichtig schien es der Autorin dagegen, die unterschiedlichen, komplizierten Beziehungsgeflechte der Menschen aufzuzeigen. Wellenförmig wechseln sich Hoch und Tiefs ab und bringen so Bewegung, aber auch Monotonie in den Alltag.

So wird sich für Mike in der Geschichte „Sugar Rush“ nichts ändern. Er wird immer eifersüchtig auf den leiblichen Vater der zwei Kinder seiner Freundin bleiben. Egal, wie oft er sie glücklich zum Eis-Essen einlädt, sie werden nie „Daddy“ zu ihm sagen.

Auch die kleine Waise Aimée wird nie wieder wie früher lustig mit ihrem geliebten Onkel Max zusammensein können. Das Jugendamt hatte ihm das Kind weggenommen. Jenny hat diese Geschichte vor Jahren geschrieben. Doch heute ist das Thema Vormundschaft und „Kindeswohl“ für sie brandaktueller denn je. Engagiert kritisiert sie die schweizerischen Kindes- und Erwachsenenbehörden. Aus Verärgerung über deren Arbeit zog sie Anfang dieses Jahres nach Wien. Jenny ist Botschafterin der schweizerischen Kinder- und Jugendorganisation Pro Juventute.

Die leisen Momente

Der Schreibstil der Autorin fesselt, weil „die vielen unterschiedlichen Gefühlslagen auf den Punkt gebracht werden“, beurteilte eine Zuhörerin die Wirkung der Texte. Es braucht keine dramatischen Dialoge, es sind die leisen Momente, das Nichtgesagte, die zum Nachdenken bewegen.

Pfarrer Karl-Heinz Barthelmes, Vorsitzender des Kulturbundes, sprach der Autorin ein großes Lob aus, indem er sie als eine literarische Verwandte von Alice Munro bezeichnete, die die Kurzgeschichten revolutioniert hat. Die Veranstaltung war ein literarischer Höhepunkt im Programm des Vereins.

Von Vera Hettenhausen

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