Muslimische Familien begehen den Fastenmonat Ramadan

Armut nachfühlen

Zum Iftar, dem Abendessen haben (von links) Imam Nechmettin Korkmalli, Yalcin Solak, Abdurrahman Gülkaro, Irfan Ünal, Abrahim Avci und Paul Wagener Platz genommen. Fotos:Eisenberg

Bad Hersfeld. Das Klappern von Tellern und Besteck tönt durch das Treppenhaus eines Mehrfamilienhauses im Bad Hersfelder Stadtteil Hohe Luft. Es ist früher Abend, die Sonne steht noch am Himmel. Im obersten Stockwerk wird gekocht.

Die Menschen muslimischen Glaubens begehen derzeit den Fastenmonat Ramadan. Vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang dürfen gläubige Muslime nicht essen und nicht trinken. Zum abendlichen Fastenbrechen haben Abdurrahman Gülkaro und seine Frau Ayse in ihre Wohnung eingeladen.

Abendessen hat Tradition

Das gemeinsame Essen nach Sonnenuntergang habe eine Tradition, erklärt Emel Ünal, die Schwägerin des Gastgebers. „In Deutschland bekommt man im Umfeld nicht mit, dass Ramadan ist“, erklärt sie. „Deshalb organisieren wir solche Abende.“ Neben türkischstämmigen Freunden und Verwandten sind an diesem Abend auch zwei deutsche Familien gekommen.

Helmut und Inge Nennstiel sind das erste Mal beim Fastenbrechen dabei. Paul und Doris Wagener kennen sich etwas aus. Das Ehepaar hat mehrere Jahre in der Türkei gelebt. Die Plätze auf den grünen Sofas rund um die beiden Tische im Wohnzimmer haben sich gefüllt. Gut 20 Personen haben sich in der Wohnung eingefunden und, getrennt nach Männern und Frauen Platz genommen. Die getrennte Sitzordnung sei nicht zwingend, sagt Yalcin Solak, der Vorsitzende der Türkisch-Islamischen Gemeinde.

Auf den festlich eingedeckten Tischen stehen bereits Schalen mit Datteln. Mit dem Essen muss die Gesellschaft noch eine Weile warten: Die Sonne ist noch nicht vollständig hinter den Hügeln verschwunden. „Wir fasten, um nachvollziehen zu können, wie es armen Menschen geht“, erklärt Emel Ünal. Daneben würden durch das Fasten aber auch Geist und Seele ausgeruht. Verpflichtet zum Fasten seien gesunde Muslime ab der Pubertät. Schwangere, Kranke und Reisende seien von der Verpflichtung ausgenommen, müssten die versäumten Fastentage aber nachholen oder Geld an Arme spenden.

Fasten ist Säule des Islams

Das Fasten sei eine von fünf Säulen des Islams und die Fastenzeit dazu da, dass man freundschaftlich zusammenlebe“, erläutert Imam Nechmettin Korkmalli, der Vorbeter der türkisch-islamischen Gemeinde in seiner Muttersprache und Yalcin Solak übersetzt.

Fällt das Fasten in Deutschland, wo bei Arbeitskollegen und Nachbarn der Alltag weitergeht, manchmal schwer?

„Wenn die Kollegen frühstücken ist es schon manchmal schwierig, aber man gewöhnt sich daran“, erzählt Abdurrahman Gülkaro, der beim Versandhändler Amazon arbeitet. „Wenn der Wille da ist, ist es kein Problem“, ist sich Yalcin Solak sicher.

Von Jan-Christoph Eisenberg

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