DRK-Vizepräsidentin Donata von Schenck berichtet von Licht und Schatten in Bangladesch

Armut und Herzlichkeit

Bangladesch hat viele Gesichter: Vor allem die Frauen und Kinder leiden unter der bitteren Armut und den schlechten Arbeitsbedingungen. Das Foto zeigt Donata von Schenck zu Schweinsberg beim Besuch eines Frauenhilfsprojekts. Fotos: nh/privat

Bad Hersfeld. Als Donata von Schenck wenige Tage nach ihrer Rückkehr von einer dienstlichen Reise durch Bangladesch von dem verheerenden Feuer in einer Textilfabrik hörte, hat sie als erstes die Etiketten ihrer Kleidung angesehen. Denn viele auch hochwertige Kleidungsstücke, die bei uns für teures Geld verkauft werden, werden für Billiglöhne in Bangladesch produziert. „Die Näherinnen verdienen oft nur 30 bis 35 Euro pro Monat und müssen davon für ein schäbiges Quartier auch noch 15 Euro Miete zahlen“, erzählt Donata von Schenck.

Bei ihrer Reise durch Bangladesch hat sie viele Frauen getroffen und deren Schicksale erfahren. Sie weiß deshalb auch, dass die Arbeit in den Textilfabriken oft der einzige Weg für die Frauen ist, der bitteren Armut ihrer Heimatdörfer zu entfliehen. Der Preis ist hoch: Mangelernährung, Augenleiden und Krankheiten gehören zum Alltag der Näherinnen.

Die Fabriken seien marode, es fehlten Feuerleitern, oft hingen ganze Kabelbündel offen auf der Straße, der Strom fällt immer wieder aus. „Es müsste viel schärfere Kontrollen vor Ort geben“, sagt sie und fordert von den europäischen Auftraggebern, dass sie Verantwortung für ihre Mitarbeiter übernehmen.

Donata von Schenck will jetzt in Deutschland Gespräche mit den Verantwortlichen führen. „Die Industrie steht unter Druck“, sagt sie. Gemeinsam mit der Partnerorganisation Roter Halbmond soll auch Kontakt zur Regierung von Bangladesch aufgenommen werden. In den Fabriken sollen Warnsysteme installiert werden, die Mitarbeiter sollen Erste Hilfe- und Gesundheitsschulungen erhalten.

Außerdem regt Donata von Schenck die Einführung eines Gütesiegels an – ähnlich wie bei fair gehandeltem Kaffee. Diese Zertifikat könnte für menschenwürdige Arbeitsbedingungen vergeben werden. Einen Boykott der Billigtextilien hält sie indes für falsch. „Die Menschen brauchen ihre Arbeit, aber wir könnten schon ein wenig mehr für die Kleidungsstücke bezahlen.“ Gerade jetzt im Weihnachtsgeschäft könnte etwas mehr Bewusstsein für die Produzenten der billigen Geschenke nicht schaden.

Donata von Schenck steht noch ganz unter dem Eindruck ihrer Reise in das arme Land. Andererseits ist sie auch bezaubert von der Freundlichkeit und Herzlichkeit der Menschen. „Jeder wollte mich, die Weiße mit dem grauen Haar, anfassen“, erzählt sie. Selbst die Ärmsten der Armen hätten ihr immer wieder Essen angeboten und ihr karges Mahl geteilt.

Bitteres Erwachen

„Man fühlt sich sehr klein, wenn man aus Bangladesch wieder nach Deutschland kommt“, sagt Donata von Schenck nachdenklich. „Wir sollten uns mehr an dem freuen, was wie hier haben und bewusster mit den Dingen umgehen.“ Gleichzeitig sollte man Probleme ansprechen. Sie begrüßt daher die breite Diskussion, die jetzt nach der Brandkatastrophe bei uns in Gang gekommen ist. „Es ist nur traurig, dass erst ein Unglück geschehen muss, bevor die Menschen wachwerden.“

Von Kai A. Struthoff

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