"Seelenlärm" im vollen Grebe-Keller

Anspruchsvolle Lesung mit Holk Freytag und Marie-Thérèse Futterknecht

Holk Freytag, ein Vorleser, dem man gerne zuhört. Fotos: Landsiedel

Bad Hersfeld. Unter der Überschrift „Seelenlärm“ präsentierten Ex-Festspielintendant Holk Freytag und Hersfeldpreisträgerin Marie-Thérèse Futterknecht im wieder einmal restlos ausverkauften Bad Hersfelder Grebe-Keller gute zwei Stunden anspruchsvolles „Vorlese-Vergnügen“, das unterschiedlicher kaum hätte ausfallen können.

Zunächst trug Holk Freytag den unter dem Titel „Der Knacks“ erschienen autobiographischen Essay des amerikanischen Autors Francis Scott Fitzgerald vor. „Im Grunde ist alles Leben ein Prozess des Niedergangs“ beginnt der Text, in dem Fitzgerald seine tiefe Lebenskrise verarbeitet.

Nach anfänglichen Erfolgen als Schriftsteller verfiel er zunehmend dem Alkohol, während sich seine Frau, die an psychischen Problemen litt, in einen französischen Offizier verliebte, was zu einer tiefen Ehekrise führte.

Fitzgerald, der neben Hemingway, John Dos Passos und William Faulkner als Hauptvertreter der amerikanischen Moderne galt, wurde nur 44 Jahre alt. Zu seinen bedeutendsten Werken zählt der Roman „Der Große Gatsby“, der 1974 mit Robert Redford und Mia Farrow verfilmt wurde.

Holk Freytag, ein Vorleser, dem man gerne zuhört, las diesen sicherlich anspruchsvollen Text als „distanzierter Beobachter“, beinahe leise, baute über Betonung, Tempowechsel und kleine Gesten Spannung auf und zog damit die Zuhörer in seinen Bann.

Marie Thérèse Futterknecht ließ ihren Emotionen freien Lauf.

Ganz anders Marie-Thérèse Futterknecht. Hermann Brochs „Die Erzählung der Magd Zerline“, in der es um Liebe, Lust und Leidenschaft geht, bot ihr ausreichend Gelegenheit, in die Rolle einer Frau zu schlüpfen, die sich ihrer prallen Weiblichkeit mehr als bewusst ist und sich über alle Klassenschranken hinweg in eine von sexueller Leidenschaft geprägte Beziehung verstrickt. Mit intensiver Körpersprache, unglaublich wandelbarer Mimik und enormer Sprachgewalt war sie Zerline, verkörperte deren Leidenschaft, Lust, Wut und Bitterkeit und ließ ihren Emotionen freien Lauf – Chapeau!

Einmal mehr ein wunderbarer Abend in Hersfelds Kulturkeller – begeisterter Applaus. (tl)

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