Haydns Oratorium „Die Schöpfung“ krönte Eröffnungswochenende der Festspielkonzerte

Wie Lob anspornen kann

Erster Höhepunkt der 50. Festspielkonzerte war die Aufführung von Haydns „Schöpfung“ in der Stiftsruine mit großem Chor und der Sinfonia Silesia aus Kattowitz unter der Leitung von Siegfried Heinrich. Foto:  Hartmann

Bad Hersfeld. Zwei Gründe, Stolz zu zeigen, gab es vor Beginn der Sonntagsaufführung von Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“: Seit 1961, also jetzt zum 50. Mal, finden die Bad Hersfelder Festspielkonzerte statt. Und seit 20 Jahren, also zum 21. Mal, dominiert das Nationale Sinfonieorchester des Polnischen Rundfunks bzw. inzwischen dessen Kammerorchester-Formation, die Sinfonia Silesia, das Eröffnungswochenende in der Stiftsruine. Hätte die Verbundenheit Katowice - Bad Hersfeld sich sinnfälliger zeigen können als durch das spontane Aufstehen der Musiker, als die Orchestermanagerin Irina Siodmok ein Grußwort des Kattowitzer Stadtpräsidenten verlas und zum Dank an Professor Siegfried Heinrich einen Strauß mit 21 Rosen überreichte?

Lob kann unmittelbar hemmen, aber auch anspornen. Wie hier. Denn die Musiker aus dem polnischen Süden waren nicht nur dem Werk mit seinen dankbaren Aufgaben, ebenso seinen Kniffen und Tücken jederzeit gewachsen, sondern offenbarten auch viel Vertrautheit mit der Ruinenakustik und mit den nuancierten Vorstellungen des Dirigenten.

Musikalisch staunen

Mit ihnen ließ sich wirklich musizieren im Sinne Heinrichs, Haydns und der Wiener Klassik. Sie konnten am ehesten musikalisch staunen über dieses Wunderwerk, konnten klanglich malen – von der „Vorstellung des Chaos“ zu Beginn bis zum göttlichen Lobpreis am Schluss. Das Herz der Sinfonia Silesia schlägt im plastisch und wohlgestaltet formenden Bläserzentrum (Flöte und Klarinette, Oboe und Fagott). Die kaum minder schöne Hülle steuern Streichinstrumente, Blechbläser und Pauke bei.

Der berühmte Dirigent Georg Solti (1912-1997) meinte einmal, das „Schöpfungs“-Oratorium sei so perfekt komponiert, dass sich keine fünf Noten verbessern ließen. Wie wahr! Die vokalen Abteilungen schienen zum kühlen Sommerbeginn indes nicht immer zu bedenken, an welchem Wunderwerk sie ihre Kräfte maßen. Der Festspielchor, wie stets groß besetzt (an die 120 Sänger), breit gestaffelt und klangprächtig, ließ ein wenig die Agilität und die Durchformung der polyfonen Partien vermissen.

Den drei Solisten der „Schöpfung“, die vokal gefordert sind wie die sechs einer Mozart’schen Opera seria, fehlte noch einiges an gesanglicher „Würde und Hoheit, Schönheit, Stärke und Mut“, wie es ein Arientext vom ersten Menschenpaar sagt. Die Sopranstimme der Südtirolerin Elfi Burger war durch einen Infekt beeinträchtigt, kehrte aber doch manche bezaubernde Koloratur hervor. Der Tenor Frank Unger aus Sachsen wandelte einen achtbar guten Beginn in vornehme Blässe. Umso präsenter der Budapester Bass László Varga, der, vielleicht im Bemühen um korrekten deutschen Sprachlaut und Tonfall, rein vokal zu äußerlich blieb.

Unfall bei Bühnenumbau

Viel Applaus der etwa 800 Besucher, viele Blumen – auch für Juliya Peters und ihre Rezitativbegleitung an einem klangschön timbrierten Hammerflügel und für die Choraltistin Birgit Küllmar – und eine Schrecksekunde nach Schluss: Beim zu rasch freigegebenen Bühnenumbau fürs Abendfestspiel erlitt Siegfried Heinrich durch einen von einem Gerüst herabstürzenden Rollwagen eine heftig blutende Platzwunde an der Stirn, die durch Sanitäter gestillt und in der Klinik genäht werden musste.

Von Siegfried Weyh

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