Mathias Richling begeistert in der Stiftsruine

Vom Ansatz her extremistisch

Mathias Richling: Zum dritten Mal verzückte der mit vielen Preisen ausgezeichnete Großmeister des politischen Kabaretts in der Stiftsruine mit Wortgewandtheit, anspruchsvollen und immer wieder atemberaubenden Gedanken- und Themensprüngen. Foto: Apel

BAD HERSFELD. Sprachgewaltig, scharfzüngig, witzig, anklagend, ständig in Bewegung, kein bisschen leise – ganz so, wie man den vor knapp drei Monaten gerade mal 60 Jahre jung gewordenen Großmeister des politischen Kabaretts seit 40 Jahren kennt, präsentierte sich Mathias Richling am Samstagabend im Rahmenprogramm der Bad Hersfelder Festspiele. Zum dritten Mal mit seinem Dauerspektakel „Der Richling-Code“.

Das wird ständig runderneuert, nur am Anfang bleibt alles beim Alten. Richling kommt eher beiläufig auf die Bühne der Stiftsruine. Er unterhält sich mit sich selbst, steuert zielstrebig die hinlänglich bekannte, ganz vorne stehende, schwarz-rot-gold gedeckte Tafel an, hinter der der rote Blazer von Angela Merkel thront. Plötzlich geht das Licht an. Richling ist voll da und begrüßt das Publikum: „Wo kommen Sie denn alle her?“

Schnell stellt er fest: „Die Politik hat sich unglaublich verschnellert!“, und schon ist er bei zwei seiner Lieblingsgestalten. Die Kanzlerin rügt Benedikt XVI., dass der so einfach zurückgetreten sei und vorher nicht mit ihr telefoniert habe: „Jetzt bin ich die letzte Unfehlbare, die im Amt bleiben muss, bis dass der Tod uns scheidet!“

Aber der Schwabe berichtet auch von Erfreulichem: Dass das Volk von Baden-Württemberg – Stuttgart 21 und Fukushima sei Dank – den ersten grünen Ministerpräsidenten gewählt und eine Volksbefragung durchgesetzt habe. Damit sei es zum Vorbild für die arabische Revolution geworden, „auch wenn die Libyer erst jetzt merken, dass sie gar keinen Bahnhof kriegen sollen…“

Geschwind ist der Bogen geschlagen zu Christian Wulff und seiner Bettina, die „auf dem 15. Bildungsweg Bundespräsidentengattin geworden“ sei. Und natürlich zu Joachim Gauck, der die tief liegende Wulff’sche Messlatte erst ausgraben musste, ehe er den „unglaublich hohen Erwartungen“ gerecht werden konnte.

Eigenarten von Politikern

Als Darwin doziert Richling über Evolution und Eigenarten von Politikern: „Wer sich durch den Morast schleimt, kommt oben an – das ist widernatürliche Auslese!“ Als Wolfgang Schäuble rechnet er vor, wie man mit Schuldentilgung per Scheckkarte jede Menge Geld verdienen kann, und als Ursula von der Leyen erklärt er, wie man Arme, „ohne auch nur einen einzigen Cent aufzuwenden“, reich rechnen kann.

Beim Thema Demokratie wird Richling sarkastisch, und wenn er seinem Publikum vorhält, wie es seine Freiheit gebraucht, um sich auf Facebook und Co. zu entblößen („Das Volk legt seine eigene Stasi-Akte an!“), wird aus Spaß irgendwann Ernst: „Wer bei uns noch privat sein will, denkt vom Ansatz her extremistisch!“ Trotzdem – oder gerade deswegen – donnernder Applaus vom Publikum, ein Geschenk vom Intendanten und Zugaben vom Protagonisten.

VON WILFRIED APEL

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