Jubilarin hat nur alle vier Jahre einen echten Grund zum Feiern

Geboren im Schaltjahr 1920: Annemarie Heß (96) feiert am 29. Februar ihren 24. Geburtstag

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Bad Hersfeld. Zum 24. Mal Geburtstag feiert heute Annemarie Heß. Dabei wird sie 96 Jahre alt. Wie das geht? Ganz einfach: Die immer jung gebliebene Ur-Herrschfellerin, deren Wolff-Wurzeln bis ins 17. Jahrhundert zurückreichen, wurde im Schaltjahr 1920, an einem Sonntag, geboren.

Ihr Geburtshaus stand an der Stelle am Neumarkt, an der später die Buchhandlung Oertel in einen Neubau zog. „Mein älterer Bruder Wilhelm war gerade in der Sonntagsschule, als ich zwischen 11 und 12 Uhr auf die Welt kam!“, erinnert sich die Jubilarin. Ob ihre Mutter gehofft hat, dass es mit der Geburt noch bis zum 1. März dauert, weiß sie nicht. Auf jeden Fall war die Freude groß, denn Annemarie war das erste Mädchen in der ganzen Familie.

Die liebenswerte alte Dame verlebte eine unbeschwerte Kindheit. „Es wimmelte nur so von Mädchen und Jungen, wenn wir „auf dem Denkmal“ am Neumarkt spielten. Unsere Omas saßen auf einer Bank und passten auf uns auf!“ Nie passierte etwas Schlimmes. Nur zu Hause wurde sie einmal vor größerem Unglück bewahrt, als ihr ein wild gewordener Nachbarsgockel auf den Kopf flog. Wäre ihr Bruder nicht sofort auf ihn losgegangen, hätte das Ganze damit enden können, dass Annemarie blind geworden wäre. So ging alles mit einem Kopfverband ab, der Hahn wurde geschlachtet, und dem Geburtstagskind verblieb eine bis heute sichtbare Narbe.

1926 begann der Ernst des Lebens. Für das Glückskind in der nicht weit weg gelegenen, heute nach dem damaligen Konrektor Wilhelm Neuhaus benannten Südschule - mit 40 Mitschülern und Fräulein König, einer „wunderbaren Lehrerin“, die einmal sogar Waffeln für ihre Kinderschar gebacken hat. Annemaries Lieblingsfächer waren Deutsch und Singen. Gerne wäre sie aufs Lyzeum gegangen, aber ihr bei der Tuchfabrik Rechberg als Werkmeister beschäftigter Vater Georg wollte im Familiengarten an der Lambertstraße –da wo Annemarie heute mit ihrem Ehemann Wilhelm wohnt – ein Haus bauen. Angesichts dessen „reichte“ es nur für ein Jahr Hauswirtschaftsschule in Kassel und für eine Lehre im Wäschegeschäft Schuchart in der Klausstraße.

Die Gehilfenprüfung legte Annemarie vorzeitig ab - so gut, dass sie es bis zu den Berufswettkämpfen in der „Gauhauptstadt“ schaffte. Dafür wäre sie höchstwahrscheinlich auch in der gerade fertiggestellten Hersfelder Kulturhalle geehrt worden, aber den 1939 herrschenden Herren passte nicht in den Kram, dass sie nicht dem Bund Deutscher Mädchen (BDM) angehörte. Das hatte ihr Vater, der Mitbegründer des Posaunenchors und entschiedener Christ war, so gewollt.

Nach dem Krieg, den sie als Bürokraft in der Hersfelder Standortverwaltung und im Reservelazarett „mitmachte“, gehörte die 96-Jährige zu denjenigen, die in der Kirchengemeinde halfen, von amerikanischen Gemeinden gespendete Kleidung zu verteilen. Mit Irmgard Wolferts und weiteren Helfern baute sie die Bahnhofsmission auf, und auch in der zum Teil in die Lullusstadt ausgelagerten evangelischen Fortbildungseinrichtung Burckhardthaus engagierte sie sich. Beruflich verschlug es sie zur Firma Georg Sauer, wo sie dann auch ihren Ehemann Wilhelm kennen und lieben lernte. Als Februarkind hat Annemarie ihren Geburtstag in Nicht-Schaltjahren meistens einen Tag früher gefeiert. Auf jeden Fall in dem immer wieder neu gefestigten Bewusstsein, dass ihr Leben von Gott bestimmt wird. So wie vielleicht auch an einem ihrer schönsten Geburtstage, am 29. Februar 1948, als sie ihren aus Afrika – aus amerikanischer Gefangenschaft – heimkehrenden Cousin Lorenz Salzmann am Hersfelder Bahnhof abholte. (apl)

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