Wochenendporträt: Wie die 25-jährige Luise Schmidt die Attentate von Oslo erlebte

Die Angst kommt langsam

Rauchwolken über dem Zentrum von Oslo: Am 22. Juli erschüttert eine Bombenexplosion das Herz der Norwegischen Hauptstadt. Kurz darauf steht dichter Rauch über der Stadt. Foto: Archiv, AP/dapd

Bad Hersfeld. Mit den Fernsehbildern kommt die Erinnerung. Seit Tagen berichten alle Medien über den Prozess gegen den Osloer Attentäter Anders Breivik, der 77 Menschen in den Tod gerissen hat. „Sein Gesicht zu sehen, ist für mich nicht einfach“, sagt die 25-jährige Lehrerin Luise Schmidt aus Bad Hersfeld. Hass und Wut werden bei ihr wach. Denn die junge Frau hätte auch ein Opfer des Amokläufers werden können.

Rückblende

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Der 22. Juli 2011 ist ein trüber Tag in Oslo. Luise Schmidt hatte eine Freundin in Trondheim besucht. Die letzten Tage ihrer Reise verbringt sie in Oslo. „Eine wunderschöne Stadt.“ Das Königsschloss, der Hafen – auch eine Führung durchs Parlament steht auf ihrem Besichtigungsplan. Luise Schmidt ist gerade in einem Shoppingcenter nahe dem Nobel-Peace-Center, als eine gewaltige Detonation die Scheiben klirren lässt. „Ich dachte zuerst, ein Bagger hätte eine Gasleitung zerstört“, erzählt sie. Doch als kurz darauf eine große Rauchwolke über der Stadt steht, denkt Luise Schmidt sofort an den 11. September und an ein Attentat. Durch die Straßen irren weinende Menschen.

Die junge Frau rennt zurück in ihr Hostel, das nur einige Querstraßen vom Ort der Detonation entfernt ist. Hastig rafft sie ihre Papiere zusammen, dann geht sie zurück zum Hafen. Überall stehen Menschen, alle rätseln, was passiert ist. Über Facebook und via E-Mail erfährt Luise Schmidt von dem Attentat auf das Parlamentsgebäude, das sie selbst noch am selben Morgen besucht hatte. „Es war völlig ruhig in der Stadt, die Menschen haben sich gegenseitig getröstet, ich hatte keine Angst, sondern war wie im Schockzustand“, erzählt sie rückblickend.

Meine Geschichte ist so belanglos, gemessen am Leid der anderen, die doch soviel Schlimmeres erlebt haben.

Luise Schmidt (25)

Den Abend verbringt Luise Schmidt mit einer kanadischen Mitbewohnerin aus ihrem Hostel in einer der wenigen noch geöffneten Kneipen. Doch das Bier kann sie nicht beruhigen. In dieser Nacht schläft Luise Schmidt kaum. Sirenen heulen in der Dunkelheit. Durchs Fernsehen hat sie inzwischen auch von dem Massaker auf der nahe-gelegenen Insel Utoya erfahren. Erst jetzt kommt die Angst.

Am nächsten Morgen bricht Luise Schmidt früh zum Flughafen auf. Sie will nur noch raus aus der Stadt, die sie so freundlich empfangen hatte. „Als unser Flugzeug in Frankfurt gelandet ist, habe ich vor Erleichterung geweint.“ Erst jetzt lässt die Schockstarre nach und ihr wird bewusst, dass ihre Reise nach Norwegen auch anders hätte enden können.

Am Flughafen erwartet Luise Schmidt und die anderen Norwegen-Heimkehrer ein Heer von Journalisten. Im ZDF berichtet sie von ihren Eindrücken. „Dabei ist meine Geschichte doch so belanglos, gemessen am Leid der anderen, die doch soviel Schlimmeres erlebt haben.“ Dennoch lässt sie die Erinnerung an den 22. Juli 2011 nicht los.

Von Kai A. Struthoff

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