Zweiter Prozesstag im Obdachlosen-Mordprozess – Pierre S: „Ich wollte Carsten F. nicht töten“

Angeklagte gestehen Schläge und Tritte

Bad Hersfeld/Fulda. „Ich wollte nicht, dass er stirbt“, sagte Pierre S. gestern vor dem Landgericht Fulda aus. Lediglich eine Abreibung wegen vorheriger Schmähungen habe er Carsten F. verpassen wollen, als er gemeinsam mit dem Mitangeklagten Andrea R. im Bad Hersfelder Bahnhof eingetroffen sei.

Wie der Tattag verlaufen war, schilderten die Angeklagten weitgehend identisch. Zeugen bestätigten diese Version. Demnach hatten die Männer aus dem Obdachlosenmilieu mit Bekannten in der Wohnung einer Bad Hersfelderin Bier getrunken. Pierre S. wurde zwischenzeitlich von einer Bekannten abgeholt um bei dieser in einem Niederaulaer Ortsteil Holz zu hacken. Am Abend trafen sich beide Männer wieder in Bad Hersfeld und besuchten dort eine „Wodka-Party“ eines anderen Bekannten. Auf dem Weg ins Obdachlosenheim trafen sie auf Carsten F.

Andrea R. schilderte das Geschehen vor Gericht anders, als er es nach der Tat bei der Polizei getan hatte. R. hatte geäußert, dass Pierre S. auf den auf einem Tresen schlafenden Carsten F. losgegangen sei und wollte das Opfer zwischenzeitlich auf eine Bank gesetzt und Pierre S. zum Aufhören bewegt haben. Er sei geschockt gewesen. Deshalb habe er sich diese Version ausgedacht, um Pierre S. zu belasten, sagte Andrea R. auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters Josef Richter. Dass auch er zugeschlagen und zugetreten habe, gab R. jedoch in beiden Versionen zu. Als die Angeklagten den Bahnhof verließen, habe Carsten F. noch gelebt.

Aus Angst nicht umgekehrt

Erst in der Bahnhofsunteführung sei ihm klar geworden, was er getan habe, sagte Pierre S. Aus Angst, einer der Taxifahrer vor dem Bahnhof habe etwas mitbekommen, sei er nicht zurückgekehrt. Auch Andrea R. hatte nach eigenen Angaben darauf vertraut, dass der Verletzte gefunden werde.

Kennengelernt hatten sich die Angeklagten in der Bad Hersfelder Obdachlosenszene. Pierre S. schilderte seine Kindheit in Baden-Württemberg in schwierigen Verhältnissen: Wechselnde Lebensgefährten der Mutter, Gewalterfahrung im Elternhaus, früher Kontakt mit Alkohol und Drogen, Schwererziehbarenheim.

S. ist mehrfach vorbestraft. Nach dem Hauptschulabschluss und Gelegenheitsjobs war er obdachlos geworden und mit einem Bekannten zum Lullusfest 2011 nach Bad Hersfeld gekommen. Andrea R. stammt aus Italien. Nach dem Tod des Vaters geriet das Leben des gelernten Metallbauers aus den Fugen. In Bad Hersfeld arbeitete er unter anderem in der Gastronomie, verlor Job und Wohnung.

Als Zeugen sagten am ersten Prozesstag drei Bekannte aus. Während zwei von hohem Alkoholkonsum beider Angeklagter und der Gewaltbereitschaft von Pierre S. berichteten, hatte die dritte Bekannte von Pierre S. diesen nie betrunken oder gewalttätig erlebt. Provokationen des späteren Opfers in Richtung der Angeklagten hatte keiner der Zeugen mitbekommen. Allerdings berichtete ein Bekannter der Angeklagten von Pöbeleien der beiden Männer in Richtung des späteren Opfers.

Von Jan-Christoph Eisenberg

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