Die Online-Journalistin Anne Leichtfuß ist für den Grimme-Online-Award nominiert

Das Anderssein erforschen

Die Online-Journalistin mit dem Projekt "Touchdown 21" ist für den Grimme-Online-Award nominiert.

Bad Hersfeld. Anne Leichtfuß ist Expertin für leichte Sprache. Die 38-Jährige, die aus Bad Hersfeld stammt, arbeitet in einem Forschungsprojekt zum Thema Down-Syndrom, engagiert sich für eine Zeitschrift, die von Menschen mit Down- Syndrom geschrieben wird und ist derzeit die einzige Simultan-Dolmetscherin für leichte Sprache in Deutschland. Mit dem Forschungsprojekt „Touchdown 21“ wurde sie jetzt für den Grimme-Online-Award 2016 nominiert. Am 24. Juni werden die Preise vergeben.

„Touchdown 21“ ist ein partizipatives Forschungsprojekt mit und über Menschen mit Down-Syndrom. Das Projekt arbeitet mit Wissenschaftlern und Universitäten zusammen, ist aber nicht an eine Hochschule gebunden. Die Teilnehmer, zwei Hauptamtliche und sechs Kollegen mit Down-Syndrom sowie drei Helfer in der Verwaltung sammeln Informationen und betrachten das Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln. „Ich mache mit, weil ich mein Anders-Sein erforschen will“, sagt zum Beispiel Julia Bertmann, die selbst das Down-Syndrom hat.

Über das Down-Syndrom, auch Trisomie 21 genannt, weil die Betroffenen das 21. Chromosom dreifach haben, gibt es relativ wenig Zahlenmaterial und Forschungsergebnisse, haben Anne Leichtfuß und ihre Kollegen festgestellt. Gemeinsam geben sie die Zeitschrift „Ohrenkuss“ heraus, in der Menschen mit Down-Syndrom über Themen schreiben, die ihnen wichtig sind.

Das Forschungsprojekt „Touchdown 21“ will nun die vorhandenen Informationen zusammentragen und in klarer Sprache veröffentlichen, die dann hoffentlich viele Menschen lesen und verstehen können, erklärt Leichtfuß.

Dabei geht es ihnen zum einen um statistisches Material – zum Beispiel: Wie viele Kinder mit Down-Syndrom werden geboren, wie hoch ist die Lebenserwartung? Zum anderen geht es auch um den Alltag: Wie leben Menschen mit Down-Syndrom? Wieviel Selbständigkeit ist möglich und welche Unterstützung nötig? Welche Berufe ergreifen sie? Auch historische Fragestellungen will das Team erforschen: Wie lange gibt es das Down-Syndrom schon? Wie sind Menschen früher damit umgegangen? Unter anderem läuft gerade eine DNA-Untersuchung an einem alten Skelett, dessen Form vermuten lässt. dass die Person das Down-Syndrom hatte.

Angefangen haben die Teilnehmer an dem Forschungsprojekt mit ehrenamtlicher Arbeit. Inzwischen werden sie für einen Zeitraum von 15 Monaten von der Aktion Mensch finanziert.

Ausstellung

2016 wurde „Touchdown 21“ bereits als innovativer Ort im Land der Ideen von der Bundesregierung ausgezeichnet. Außerdem ist das Projekt der Bundes-Kunsthalle in Bonn eine Ausstellung wert, die Spuren von Menschen mit Down-Syndrom in verschiedenen Zeiten und Ländern, in Kunst und Wissenschaft zeigt. Die Ausstellung läuft vom 29. Oktober bis zum 12. Februar.

Texte, die alle verstehen

Als sie ihre Bachelor-Arbeit im Fach Online-Journalismus zum Thema „Wie müssen Websites konzipiert sein, damit Menschen mit Lernschwierigkeiten sie nutzen können?“ geschrieben hat, ist Anne Leichtfuß erstmals mit leichter Sprache in Berührung gekommen, Sie war ein Teilaspekt der Arbeit, berichtet Anne Leichtfuß. Auch während ihrer Arbeit für den „Ohrenkuss“, die vor sechseinhalb Jahren als Praktikum begann, merkte sie sehr schnell, dass es wichtig ist, sich klar und einfach auszudrücken, kurze Sätze zu bilden und Fremdwörter zu vermeiden oder zu erklären. Das gilt auch im Umgang mit Menschen, die nur über geringe Kenntnisse der deutschen Sprache verfügen. Wie man sich am besten in leichter Sprache ausdrückt, lernte sie zusätzlich in Kursen. Ihr Engagement und ihre Kenntnisse auf diesem Gebiet sprachen sich herum. Vor gut drei Jahren fragte ein Festival-Veranstalter, der in Berlin das Theatertreffen „No Limits“ für Theatergruppen aus ganz Europa organisiert, bei ihr an, ob sie eine begleitende Fachtagung simultan dolmetschen könnte. Der Anspruch war, dass alle Menschen, auch die Teilnehmer mit geistiger Behinderung, alles verstehen sollten. In ganz Deutschland gab es niemanden, der in der Lage gewesen wäre, wissenschaftliche Fachvorträge in leichte Sprache zu übertragen. Auch Leichtfuß hatte das noch nie gemacht, doch sie versuchte es einfach. „Ich habe vorher ein bisschen bei den Fernsehnachrichten geübt“, erzählt sie. Auch hier gilt: Kurze Sätze – „Ich mache meistens drei Sätze aus einem normalen“ – und gleichmäßig langsam sprechen. Da es oft notwendig ist, zusätzliche Erklärungen mitzuliefern, zum Beispiel um historische oder wissenschaftliche Begriffe zu erläutern, ist Anne Leichtfuß froh, wenn sie die Texte, die sie übersetzen soll, im Vorfeld zugeschickt bekommt, damit sie sich vorbereiten kann. In der Regel fertigt sie dann ein Glossar an, in dem schwierige Begriffe erklärt und mit Abbildungen ergänzt werden. Das hilft nicht nur ihr selbst, sondern auch ihren Zuhörern, denen sie diese Liste vorher verteilt.

Zweite Nominierung

Für Anne Leichtfuß ist es übrigens die zweite Nominierung für den Grimme-Online-Award. Im vergangenen Jahr war sie schon einmal für ihre Beteiligung an einer Online-Spezial-Ausgabe der Zeit zum Thema Pränatal-Diagnostik nominiert. Erstmals sind dabei in der Zeit im Internet Artikel in leichter Sprache erschienen. Fortgesetzt wurde das Projekt, die Zeit in zwei sprachlichen Fassungen anzubieten, nicht, bedauert Leichtfuß. Ihres Wissens nach ist die Augsburger Allgemeine die einzige Zeitung, die ein Online-Angebot in leichter Sprache hat. Weil Anne Leichtfuß festgestellt hat, dass ihre Kollegen mit Down-Syndrom großes Interesse an Promi-Klatsch haben, betreibt sie selbst einen Blog: Unter www.einfachstars.info findet sich Aktuelles über Prominente in leichter Sprache. (zac)

www.touchdown21.info

www.ohrenkuss.de

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