Leiharbeit und Dumpinglöhne: Linke diskutiert im Buchcafé über den Wert von Arbeit

Amazon ist nicht allein

Amazon ist kein Einzelfall: Sabine Leidig (stehend) diskutierte mit Mechthild Middeke, Jens B*., Klaus Schuller und den Betriebsräten Johann F*. und Konrad S*. (von links). Foto: Struthoff

Bad Hersfeld. Nur eine Handvoll Interessierter war am Mittwochabend der Einladung der Linken-Bundestagsabgeordneten und früheren Attac-Chefin Sabine Leidig ins Buchcafé gefolgt, um dort mit Gewerkschaftlern über Amazon, Leiharbeit und Dumpinglöhne zu diskutieren. Dabei hatte doch der ARD-Bericht über die Arbeitsbedingungen bei Amazon „einen Nerv getroffen“, wie es der Linke-Landtagskandidat Horst Zanger aus Bad Hersfeld formulierte.

Sehen, was schief läuft

„Ich finde es schade, dass die Kritik jetzt nur Amazon in die Schuhe geschoben wird“, machte gleich zu Beginn der Diskussion Jens B*., Mitglied der Verdi-Betriebsgruppe beim Internethändler, deutlich. Denn auch viele andere Betriebe würden die von der rot-grünen Bundesregierung unter Gerhard Schröder geschaffenen gesetzlichen Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt ausnutzen. Sabine Leidig sagte deshalb: „Wir brauchen keine Diskussion über eine Agenda 2020, sondern sollten erstmal sehen, was jetzt schief läuft.“

Und das ist so Einiges: Konrad S*. zum Beispiel, Betriebsratsvorsitzender eines Bad Hersfelder Elektronik-Großhändlers, verdient trotz 40 Wochenstunden auf dem Bock seines Gabelstaplers „keine 1731 Euro brutto im Monat“. Es werde „nach Gesicht bezahlt“, er fühle sich ausgenutzt. So wie ihm geht es vielen im Kreis Hersfeld-Rotenburg.

Etwa ein Drittel aller Beschäftigten hier gingen mit weniger als 1800 Euro nach Hause, berichtete Klaus Schüller, der DGB-Kreisvorsitzende. Er geißelte vor allem die Leiharbeit, die ganze Branchen spalte, aber auch die Hartz-IV-Gesetzgebung, die Menschen dazu zwinge „jeden Scheiß-Job anzunehmen“.

Die Gewerkschaften hätten allerdings immer größere Schwierigkeiten, Gegen-Druck aufzubauen, weil der Organisationsgrad in den Firmen zu gering sei, beklagte Mechthild Middeke, Einzelhandelsbeauftragte bei Verdi in Kassel. Sie kritisierte die zunehmende Tarifflucht, die auch den Einzelhandel betreffe. Sie erklärte, dass beispielsweise bei Tegut Subunternehmen eingesetzt würden, deren Mitarbeiter für 6.50 Euro pro Stunde die Regale füllen müssen.

Auch Johann F*., Gesamtbetriebsratsvorsitzender beim selben Elektronik-Großhändler wie S*. in Bayern, registriert den zunehmenden Einfluss-Verlust der Gewerkschaften. Bei sinkenden Reallöhnen falle es vielen schwer, die Gewerkschaftsbeiträge aufzubringen, meinte F*. Allerdings habe auch die Presse, etwa mit dem Berichten über „Lustreisen“, zum schlechten Image der Gewerkschaften beigetragen.

„Wir müssen uns den Respekt zurückholen“, forderte deshalb Klaus Schuller. Nur mit starken Gewerkschaften könne den Forderungen nach gleichem Lohn für gleiche Arbeit, klaren Regeln für Leiharbeiter oder Mindestlöhnen Nachdruck bei den politischen Entscheidern verliehen werden.

* Die Namen der Mitarbeiter werden zum Schutz vor Repressalien nicht genannt, sind aber der Redaktion bekannt.

Von Kai A. Struthoff

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