Montagsinterview: Anja Staab, Leiterin der Volkshochschule, über Lernen im Alter

„Alles außer Kunstturnen“

„Jeder kann lernen“: Anja Staab, Leiterin der Volkshochschule im Kreis. Foto: Schleichert

Hersfeld-ROTENBURG. Sie entdecken das world wide web, machen Yoga oder bereisen ferne Länder: Die heutige Generation 65 Plus entdeckt das Leben nach der Arbeit. Über Alte, die offen für Neues sind, sprach Pia Schleichert mit Volkshochschulleiterin Anja Staab.

Frau Staab, Schülern pflegt man zu sagen: „Du lernst nicht für den Lehrer, du lernst fürs Leben.“ Wie motivieren Sie Menschen, die einen Großteil ihres Lebens schon gelebt haben?

Anja Staab: Die Menschen motivieren sich selbst, wenn sie den praktischen Nutzen sehen. Und den bieten wir an. Unsere Kursteilnehmer stellen sich ja nicht die Frage: Warum habe ich schon so viel gelernt – sondern: Was will ich noch dazulernen?

Welchen Nutzen erhoffen sich Teilnehmer, die nicht mehr im Berufsleben stehen?

Staab: Das ist unterschiedlich: Der eine bereitet sich mit einem Sprachkurs auf Reisen vor, der andere will dem Enkel bei den Englisch-Hausaufgaben helfen. Von den Über-65-Jährigen hört man heute oft: „Früher konnte ich das nicht lernen, weil Krieg war“ – oder: „weil ich keine weiterführende Schule besuchen konnte.“ Jetzt können sie, weil sie die Möglichkeit und die Zeit haben.

Wie schnell lernt ein 60-Jähriger Englisch – verglichen mit einem 6-Jährigen?

Staab: Genauso schnell - nur anders. Ein 6-Jähriger lernt spielerisch, ein 60-Jähriger lernt strukturierter und mit einem größeren Ernst an der Sache. Die Defizittheorie, die besagt, dass mit dem Alter die Lernfähigkeit abnimmt, ist schon lange widerlegt.

Wer Meister werden will, muss also nicht früh üben.

Staab: Genau – mit kleinen Einschränkungen. Wer im Alter mit Kunssturnen oder Klavierspielen beginnt, stößt jedoch an seine Grenzen. Denn bei körperlichen Aktivitäten und bei Talenten, die in der frühen Kindheit angelegt werden, ist sehr viel Motorik gefragt. Geistesleistung aber kennt keine Altersgrenzen.

Viele Ihrer Kursteilnehmer sind Senioren. Warum?

Staab: Volkshochschule war schon immer die Institution, die ihre Themenauswahl vor allem an Älteren ausgerichtet hat. Und doch sind 60 Prozent aller Kursteilnehmer unter 50 Jahre alt – das ist beachtlich, wenn man die demografische Entwicklung in unserem Kreis bedenkt.

Sind die Senioren von heute wissbegieriger?

Staab: Auf alle Fälle. Jemand, der heute 60, 70, 80 ist, ist nicht zu vergleichen mit jemanden, der das gleiche Alter vor 30 Jahren hatte. Damals waren sie körperlich stark im Berufsleben eingespannt und empfanden oft den Ausstieg aus dem Beruf als Erleichterung. Die neue Generation der Senioren hingegen hat das ständige Weiterlernen verinnerlicht. Da hat sich Gesellschaft verändert.

Die Volkshochschule hat sich mitverändert. Ihr EDV-Kurs für Ältere zum Beispiel heißt nicht mehr EDV-Kurs für Senioren, sondern EDV in aller Ruhe.

Staab: Früher hatten wir eine Rubrik, die „Angebote für Senioren“ hieß. Die haben wir in 50 Plus umbenannt – was auch nicht trennscharf ist, da man heute bis 65 oder 67 arbeiten soll. Dann haben wir die Rubrik „Aktive Ältere“ genannt – und festgestellt, dass die, die sich in dieser Rubrik wiederfinden, ja nicht inaktiv sind. Und dann haben wir die Rubrik aufgelöst und gesagt: „Das gesamte Volkshochschulprogramm richtet sich an Menschen jeden Alters.“ Alle, die in Ruhe und mit Muße lernen wollen, können einen Kurs mit diesem Titel belegen.

Warum scheuen sich Senioren vor dem, das explizit auf sie ausgerichet ist?

Staab: Das ist es nicht. Denn das Lebensalter sagt nichts darüber aus, was und wie schnell ein Mensch lernt. Von der Gruppe der Hochbetagten ab 90 mal abgesehen: Diese Zielgruppe sprechen wir an, solange Interesse besteht. Über 65-Jährige als Senioren zu bezeichnen, ist eine Negativ-Etikettierung, mit der sich die jetzige Generation nicht wohlfühlt – und die künftigen erst recht nicht.

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