Gerichtsurteil gegen die Regel, um dem Angeklagten die Zukunft nicht zu verbauen

Die allerletzte Chance

Bad hersfeld. Wenn ein Gericht die Vollstreckung einer Freiheitsstrafe zur Bewährung aussetzt, dann ist das normalerweise die letzte Chance. Lässt sich ein Angeklagter während der Bewährungszeit etwas zu Schulden kommen, gilt er als Bewährungsversager und muss in der Regel ins Gefängnis, um die alte und die neue Strafe abzusitzen.

So hätte es gestern auch einem bereits mehrfach vorbelasteten jungen Mann aus Rotenburg ergehen müssen: Erst im September vergangenen Jahres hatte ihn das Jugendschöffengericht wegen gefährlicher Körperverletzung zu sieben Monaten Jugendstrafe auf Bewährung verurteilt. Doch bereits im November war der 20-Jährige an einer Auseinandersetzung vor einer Rotenburger Kneipe beteiligt, in deren Verlauf eine Flasche flog und eine junge Frau an der Hand verletzte.

Nach anfänglichem Herumgedruckse, er habe die Flasche lediglich auf den Boden werfen wollen und dann sei sie ihm aus der Hand gerutscht, gestand der Angeklagte schließlich, aus Wut in eine Gruppe von Studenten der Landesfinanzschule geworfen zu haben.

Vorausgegangen war im Innern der Gaststätte eine verbale Auseinandersetzung, in die der 20-Jährige nur zufällig verwickelt war. Der Wirt verwies alle Streithähne des Lokals, erlaubte den Studenten aber kurz darauf wieder den Zutritt. Das erboste den Angeklagten und seine Begleiter derart, dass es erst zu Beleidigungen und dann zum Flaschenwurf kam.

Und so landete der Heranwachsende erneut vor dem Jugendschöffengericht, diesmal mit der berechtigten Aussicht, für einige Monate hinter Gitter zu müssen.

Dass gestern am Ende erneut eine Bewährungsstrafe herauskam – aus alter und neuer Verurteilung eine Gesamtstrafe von einem Jahr und drei Monaten –, hatte der 20-Jährige einem radikalen Lebenswandel zu verdanken: Aus dem Faulpelz, der nach durchzechten Nächten erst mittags aus dem Bett stieg und sich von der Mutter durchfüttern ließ, war ein junger Mann geworden, der sich selbst eine Arbeitsstelle verschafft hatte und offenbar entschlossen ist, nicht mehr straffällig zu werden. Das Gericht wollte ihm die Zukunft nicht verbauen, beschloss aber eine Reihe von strengen Auflagen.

Von Karl Schönholtz

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