Montagsinterview mit dem Autor Michael Jentzsch über Leben und Freundschaft in Liberia – Morgen Lesung in Bad Hersfeld

„Alle Menschen auf der Welt sind Blutsbrüder“

Blutsbrüder: Michael Jentzsch und Benjamin Kwato-Zahn bei ihrem Wiedersehen in Liberia im vergangenen Jahr. Foto: privat

Herr Jentzsch, Sie haben als Kind in Liberia gelebt. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit?

Michael Jentzsch: Es war ein Leben wie im Paradies – ein gastfreundliches und nettes Land. Aus meinen Kinderaugen gesehen, fühlte ich mich dort wie im Garten Eden.

Aus diesem Garten Eden sind Sie durch den blutigen Bürgerkrieg vertrieben worden. Ihr liberianischer Freund und „Blutsbruder“ Ben blieb zurück. Wie ist es ihm ergangen?

Jentzsch: Unser Paradies wurde zur Hölle, und dort, wo wir als Kinder gespielt hatten, mussten plötzlich Kinder töten. Auch Ben wurde von den Rebellen rekrutiert und zum Soldaten ausgebildet. Aber er ist desertiert und in ein Unicef-Flüchtlingslager in der Elfenbeinküste geflohen. So hat er überlebt und konnte von dort seiner Familie helfen. Inzwischen arbeitet Ben als Versicherungskaufmann und verdient 100 Dollar im Monat. Er ist verheiratet und hat bald fünf Kinder, sorgt aber zudem noch für mehrere Kinder seiner Verwandten.

Über Ihre Freundschaft haben Sie das Buch „Blutsbrüder“ geschrieben. Es ist sehr schön, aber auch schonungslos. Was ist die Botschaft des Buches?

Jentzsch: Die Botschaft ist: Wir sind alle Blutsbrüder. Wenn du dich schneidest, dann tropft rotes Blut. Wir sollten daher die Hautfarbe vergessen und uns auf unsere menschliche Brüderlichkeit besinnen. Dann gibt es auch keine Kriege mehr. Es geht um Freundschaft über die Grenzen von Hautfarben hinweg.

Sie waren gerade mit Ihrer Familie für mehrere Monate in Liberia. Wie ist die Lage dort jetzt?

Jentzsch: Ich habe genau dort gelebt, wo ich auch als Kind aufgewachsen bin. Ich konnte wieder am Strand angeln gehen, im Regenwald jagen gehen und meinen Kindern zeigen, wie ich früher gelebt habe. Das war sehr schön. Aber wir wurden auch am helllichten Tag überfallen, die Kinder bedroht. Das Land leidet unter 85 Prozent Arbeitslosigkeit. Dazu kommt die Hoffnungslosigkeit und die Abhängigkeit von den Hilfsorganisationen. Die Menschen kennen dort nur die Hilflosigkeit. Du bist arm, du bist schwarz, du bekommst Geld. Leistung wird dort nicht belohnt, sondern Hilflosigkeit. Trotzdem fehlt es an allem. Die Polizei ist korrupt, die Sicherheitslage ist nicht gut.

Ist es dann eigentlich sinnvoll, einen Spendenlauf für ein derart korruptes und desolates Land zu veranstalten?

Jentzsch: Diese Frage habe ich mir auch gestellt. Aber ich habe das SOS-Kinderdorf in der Hauptstadt Monrovia als sehr transparent kennengelernt. Es wird regelmäßig überprüft, dahinter steht ein tolles deutsches Management. Ich kenne die Leute dort persönlich, und ich finde, das ist ein sehr sinnvolles, zuverlässiges Projekt.

Was für Kinder leben dort?

Jentzsch: Es sind nicht nur Kriegswaisen. Manche Kinder gehen nach der Schule auch wieder nach Hause. Die Schule geht von der 5. bis zur 12. Klasse, es werden dort auch viele Mädchen unterrichtet. Es gibt dort auch eine Klinik. Außerdem erhalten die Kinder dort eine Berufsausbildung, das ist speziell für die Mädchen wichtig, weil sie sonst in die Prostitution gezwungen werden.

Die Schüler der Geistalschule wollten ganz bewusst Liberia helfen. Ein solches Engagement trauen viele Erwachsene der „Jugend von heute“ gar nicht mehr zu. Wie erleben Sie als Lehrer die heutige Schülergeneration?

Jentzsch: Wir unterschätzen die Jugendlichen von heute. In meiner 10. Klasse in Bremen sind 30 Prozent ausländischer Herkunft. Die übertreffen häufig noch die deutschstämmigen Schüler in puncto Pfiffigkeit oder auch beim politischen Engagement. Die jungen Leute haben viel Weitsicht und erkennen sehr wohl die vernetzten Zusammenhänge in unserem globalen Dorf.

Sie wollen in Bremen jetzt ein Unterrichtsfach „Glück“ einführen. Was sollen die Schüler dort lernen?

Jentzsch: Es geht darum, herauszufinden, was mich selbst glücklich macht und wie ich meine Berufung finde. Wir bringen den Kindern in der Schule viel bei, was mit dem Leben nichts mehr zu tun hat. Viel Fachwissen, aber wenn es zu den wirklichen Krisen im Leben kommt – etwa einen Partner zu finden oder ihn zu verlieren –, lernt man in der Schule keinerlei Stress- oder Krisenmanagement. In anderen Ländern ist dieses Fach bereits erfolgreich. Es geht dabei darum, die eigenen Stärken und Schwächen zu erkennen und so glücklicher zu werden.

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