Ein Fest für Jazz-Spezialisten: „Hyperactive Kid“ zu Gast im Buchcafé

Abstrakte Töne aus Berlin

Das basslose Jazz-Trio „Hyperactive Kid“ aus Berlin gastierte am Freitagabend mit höchst ungewöhnlichen Klängen im Bad Hersfelder Buchcafé. Foto: Rödiger

Bad Hersfeld. Ein Fest für Fans der „Neuen Musik“ und hartgesottene Jazz-Omnivoren könnte das Konzert der Berliner Avantgarde-Jazzband „Hyperactive Kid“ gewesen sein. Die drei jungen Wahlberliner Philipp Gropper am Tenorsaxophon, Ronny Graupe an der halbakustischen Gitarre und Christian Lillinger am Schlagzeug spielten im Bad Hersfelder Buchcafé ihre selbstkomponierten Klangcollagen. Veranstalter war die Bad Hersfelder Jazzinitiative Jazz&More.

Für den ungeübten Zuhörer ist Jazzmusik ohne Rhythmusgruppe und ohne Solisten eine echte Herausforderung und Geduldprobe. Das Motto der drei Jazzer scheint „Alle sind alles“ zu lauten. In der Tat könnte man vermuten, dass die komplette Musik von „Hyperactive Kid“ durch und durch improvisiert ist, doch das ist weit gefehlt. Jedes Stück ist für alle drei Musiker in der Grundstruktur notiert. Und diese hat es bei modernem Jazz ganz schön in sich. Schrägste Taktarten, wechselnde Tempi und mehrtaktige Pausen inbegriffen.

Den Musikern auf der Bühne macht es sichtlich Spass, komplizierte Songpassagen gemeinsam zu meistern, da jubelt Schlagzeuger Christian Lillinger mitten im Song ob einem gelungenen Tempowechsel schon mal befreit und zugleich begeistert auf.

Dies ist nicht nur die vielzitierte Wiederentdeckung des Freejazz der späten 60er- und frühen 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts, wie er damals von Künstlern wie Cecil Taylor, Attila Zöller oder Alexander von Schlippenbach kreiert wurde.

Fokussiert und gebündelt

Dies ist eine konsequente Weiterentwicklung des freien Improvisierens, denn hier soliert keiner mehr einzeln für sich, hier wird kollektiv als Ensemble Energie fokussiert und gebündelt. Emotionen werden als Gruppe gemeinsam auf der Bühne in Töne und diese in abstrakteste Soundmalereien geformt und dann auf das Publikum losgelassen. Die Berliner Jazzszene feiert „Hyperactive Kid“ mit Adjektiven wie „innovativ“, „frisch“ und „kompromisslos“.

Der Zuhörer wird daran erinnert, dass Jazz mittlerweile nicht nur eine bedeutende Historie und große Tradition hat, sondern auch eine junge lebendige, sich ständig erneuernde Weltmusik ist. Dazu sind gerade Philipp Gropper, Ronny Graupe und Christian Lillinger mit ihrer Musik der lebendigste Beweis.

Von Werner Rödiger

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