Richter glaubten der Aussage der Geschädigten

Sex ja, aber gegen ihren Willen

Bad Hersfeld. Zwei Verhandlungstage lang hatte das Schöffengericht des Amtsgerichts Bad Hersfeld mehr als ein Dutzend Zeugen vernommen, und dennoch kam es im Bebraer Vergewaltigungsprozess am Ende nur auf eine Frage an: Konnten Richter Michael Krusche und die beiden Laienrichter an seiner Seite der Aussage des Opfers glauben – oder nicht?

Die Antwort fiel eindeutig aus: „Das Gericht ist überzeugt davon, dass das, was die Geschädigte geschildert hat, die Wahrheit ist“, sagte Krusche in der Urteilsbegründung. Er bezeichnete die heute 18-Jährige als „tapfere Zeugin“, die sich auch unangenehmen und intimen Fragen gestellt habe. Am Ende stand fest: „Es gab Sex, und der war gegen ihren Willen.“

Tatsächlich war das Tatgeschehen vom frühen Abend des 10. März 2012 nicht leicht nachvollziehbar. Der Bebraer und seine Rotenburger Freundin hatten über mehrere Monate eine Beziehung, in der beide Partner nebenher weitere Liebschaften pflegten. Auch hielt die Trennung wenige Tage vor der Tat beide nicht davon ab, weiter freundschaftlich miteinander umzugehen.

Kurze Pause: Zwei Taten

Dass der 22-Jährige seiner Ex-Freundin, die er eigentlich nur zum Zug nach Hause bringen bringen wollte, dann im Toilettenhäuschen an der Bismarckstraße Gewalt antun würde, hatte sich ebenfalls nicht abgezeichnet. Unter einem Vorwand hatte er das Mädchen in die Kabine gelockt, die Tür verriegelt und ihr mit einem Messer gedroht, das er allerdings nicht vorzeigte.

Von der verängstigten 17-Jährigen ließ er sich erst oral befriedigen und vergewaltigte sie dann nach einer kurzen Pause – deswegen zwei Taten – auch noch vaginal.

Weil das Opfer den Ablauf dieser sexuellen Nötigungen in verschiedenen Vernehmungen vor Polizisten und Richtern in verschiedenen Versionen berichtete (Verkehr im Stehen, Verkehr im Liegen, Würgen und Schläge ins Gesicht, die aber keine Spuren hinterließen), kam der Verteidiger des Bebraers, der Fuldaer Rechtsanwalt Hans J. Hauschild, zu dem Schluss, die Geschichte der Zeugin stimme so nicht. „Das ist keine Schilderung, die so zuverlässig ist, dass wir darauf ein Urteil stützen können“, sagte Hauschildt und forderte für seinen schweigenden Mandaten Freispruch.

Nicht gravierend

Staatsanwalt Werner Stock hatte die Unstimmigkeiten in den Aussagen der Geschädigten zuvor als „nicht gravierend“ bezeichnet. „Entscheidend ist, dass es gegen ihren Willen geschah“, sagte Stock.

Auch der Rotenburger Anwalt Klaus Reiprich, der die Nebenklage vertrat, hielt die Angaben des Opfers für „hundert Prozent glaubhaft“.

Reiprich geißelte zudem die „Großkotzigkeit“ des Angeklagten, der die Aussage seines Opfers mit höhnischem Gesichtsausdruck begleitet und keinerlei Unrechtsbewusstsein gezeigt habe. Reiprich forderte eine „nachhaltige, harte Strafe“.

Dem 22-Jährigen, der auf Kosten seines Vaters in den Tag hinein lebt, konnte auch seine Bewährungshelferin keine günstige Sozialprognose stellen. Vorbestraft ist der Bebraer unter anderem wegen räuberischer Erpressung und Körperverletzung.

Mit dem gestrigen Urteil von dreieinhalb Jahren Freiheitsstrafe wurde zudem ein Vorfall vom 27. Juni vergangenen Jahres geahndet, bei dem der Angeklagte einen Betrunkenen getreten hatte, von dem er zuvor angepöbelt worden war.

Obwohl im Gerichtssaal keine Erklärungen abgegeben wurden, ist davon auszugehen, dass die Verteidigung in die Berufung vor dem Landgericht in Fulda ziehen wird.

Von Karl Schönholtz

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